Sorge

Sorge also. Für die Meisten ein Kalauer. Für mich eine Kulisse, zurechtgebastelt aus vorhandenen Artefakten und Symbolen. Eine zigmal betretene, niemals ganz erfasste Landschaft, eine noch weniger erfasste Gemeinschaft, eine ganz bestimmte Geschichte, die die meine nur bedingt tangiert.

Um 1200 entstand der (inzwischen wüste) Ortsteil Vogtsfelde an der Warmen Bode als Hüttenwerk des Klosters Walkenried. Anfang des 16. Jahrhunderts kam mit einem neuen Hüttenwerk der Ortsteil Sorge hinzu. Im 18. Jahrhundert gehörte Sorge als Exklave zu Preußen. Unter Friedrich dem Großen blühte die Eisenhütte auf, sie wurde vorübergehend von seinem Hoffaktor Daniel Itzig übernommen, der 1771 auch ein Wirtshaus, das heutige „Sorgenfrei“ bauen ließ.

Im 19. Jahrhundert ging das Hüttenwerk sowie ein großer Teil des Dorfes selbst in den Besitz der alteingesessenen Familie Vogel über. (A factory town, würde man bei uns sagen: paternalistischer Urkapitalismus.) Ab 1944 soll das Metallwerk möglicherweise Teile für die V2-Produktion im KZ Mittelbau-Dora geliefert haben. Der Fabrikant Emil Vogel wurde nach dem Krieg von der DDR enteignet, seine Familie ging größtenteils in den Westen.

1952 wurde die innerdeutsche Grenze gefestigt, Sorge fiel in das 5-km-Sperrgebiet. In der sogenannten Aktion Ungeziefer (Mai 1952) wurden „politisch unzuverlässige“ Familien aus dem gesamten Grenzgebiet ins Hinterland ausgesiedelt; so mussten auch neun Sorger Familien den Ort innerhalb von 24 Stunden verlassen. Die Grenzkompanie Sorge war im Wald südlich des Dorfes stationiert, die Grenzanlagen verliefen entlang der noch befahrenen Harzquerbahn und verschluckten die letzten Reste des Ortsteils Voigtsfelde.

Eine strenge „Grenzordnung“ regelte den Alltag im Sperrgebiet, man forderte die Wachsamkeit der Einwohner, die potentielle „Grenzverletzer“ und Spione erkennen und melden sollten. Das Sperrgebiet durfte nur mit Passierschein betreten werden, den höchstens Verwandte ersten Grades erhielten – oder FDGB-Urlauber. Denn das Hotel „Sorgenfrei“ wurde als FDGB-Erholungsheim betrieben und beherbergte in dem 300-Seelen-Dorf 3000 Urlauber jährlich. Auf den ausgewiesenen Wegen wanderte man oder fuhr Ski.

Die Unannehmlichkeiten des Lebens im Sperrgebiet (die beklemmende Atmosphäre, die Isolation) sollten durch Begünstigungen gemildert werden (ein Lohnzuschlag von 15%, Südfrüchte), auch wurde in die Verschönerung der Gemeinden investiert, die schließlich auch Schaufenster zum Westen waren.

Etwa ein halbes Dutzend Menschen sind an der Grenze bei Sorge ums Leben gekommen, vor allem zwei Fälle beschäftigen die Sorger noch. 1979 beschlossen zwei 15-jährige Hallenser Schüler, Uwe Fleischhauer und Heiko Runge, auf Grund von Schulproblemen in den Westen zu gehen. Bei Benneckenstein, der Nachbarort südlich von Sorge, flüchteten sie in den Wald Richtung Grenze. Bei der Festnahme wurde Heiko Runge erschossen, die Umstände seines Todes wurden seiner Familie verschwiegen. 1983 kaperte ein sowjetischer Soldat aus der Kaserne Aschersleben einen Bus, zwang den Fahrer bis vor Benneckenstein zu fahren und flüchtete in den Wald. Auch er wurde erschossen, ob von den DDR-Grenzern oder von seinen eigenen Leuten bleibt unklar.

Gleich nach dem Mauerfall kümmerte sich eine Sorger Einwohnerinitiative um den Erhalt eines Teils der Grenzanlagen als Freilichtmuseum. Im ehemaligen Grenzstreifen errichtete der Landschaftskünstler Hermann Prigann 1993 einen „Ring der Erinnerung“ aus gefällten Bäumen, die im Laufe der Zeit verrotten und neu austreiben und so den Kreislauf des Lebens sichtbar machen sollen.

Mit der Wende kehrten die Vogels zurück – als Erbgemeinschaft, die Anspruch auf mehr oder weniger das halbe Dorf erhob. Es folgte ein Rechtsstreit, der schließlich 1996 zu ihren Gunsten ausging; das erbitterte Tauziehen legte das Dorfleben lahm, die Hälfte der 300 Dorfbewohner zog verunsichert weg. Von den Plänen der Erben wurde bisher wenig verwirklicht: ein Heimatsmuseum, inzwischen geschlossen, hübsch sanierte Fachwerkhäuser, die leer stehen.

Dorfkern 1 2008 09
Sorge, Unterdorf, 2008